Podiumsdiskussion: „Krieg in der Seele“

Das Forum für internationale Sicherheit Heidelberg und das Katholische Universitätszentrum Heidelberg (KUZ) luden am 11.11.2015 zu der Podiumsdiskussion „Krieg in der Seele“ in das Edith-Stein-Haus ein. Die Podiumsdiskussion sollte sich mit einem in der Öffentlichkeit selten wahrgenommenen Thema, der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) von Soldaten, auseinandersetzen und dabei einerseits die aktuelle Situation in der Bundeswehr beleuchten, andererseits aber auch Ursachen und Lösungsansätze aufzeigen. Die Auswahl der Referent*innen war bestimmt von dem Anspruch, das Themengebiet aus möglichst vielen Standpunkten zu betrachten, die auch der Betonung seiner Interdisziplinarität gerecht werden sollte.

Die Diskussion wurde von Dr. Christoph Trinn (Politikwissenschaftler der Universität Heidelberg) moderiert. Zu den Rednern gehörten Generalarzt Dr. Bernd Mattiesen, der als Teil des Führungsstabes des Sanitätsdienstes im Bundesministerium der Verteidigung wirkt, Militärdekan Armin Göllner und der ehemalige Soldat Jarno König, welcher an den Bundeswehreinsätzen im Kosovo und in Afghanistan beteiligt war.

Bemerkbar mache sich die PTBS bei SoldatInnen vorallem dadurch, dass der Militäreinsatz (mental) nicht ende. Die betroffene Person durchlebe immer wieder das traumatische Ereignis. Der ehemalige Soldat König erläuterte dies an dem Suizid eines Soldaten seiner Einheit in Afghanistan. Auf Nachfrage von Dr. Trinn berichtete Herr König vom Alltag der Soldatinnen und Soldaten während eines Auslandseinsatzes und teilte die persönlichen Eindrücke, die er außerhalb des Lagers in Afghanistan gemacht hatte, in anschaulicher Weise dem Publikum mit. Die Belastung durch eine ständige Wahrnehmung unmittelbar bevorstehender Gefahr wurde dabei besonders deutlich. Im späteren Verlauf der Diskussion beantwortete Herr König Fragen zu seiner Vorbereitung auf den Einsatz und auch zur Rolle der Ethik in einer direkten Gefechtssituation. Auch die Möglichkeiten der psychologischen Unterstützung für Soldat*innen während des Einsatzes schilderte er. Akzeptanz gegenüber Seelsorgern im Militär ergebe sich seiner Meinung nach vorallem über die Zeit. Allerdings existierten je nach Einheit große Unterschiede. Einer großen (psychischen) Verantwortung, insbesondere gegenüber der eigenen Einheit, aber auch der einheimischen Bevölkerung, seien sich alle am Einsatz beteiligten Kräfte stets bewusst gewesen.

Militärdekan Göllner teilte in der Diskussion seine persönlichen Erfahrungen als Seelsorger mit. Zu Beginn stellte er die Besonderheit seiner Rolle dar die sich schon darin äußere, dass er keine Uniform trage, der Schweigepflicht unterliege und nicht an eine direkte Befehlskette gebunden sei. Der Militärdekan ging genauer darauf ein, wann und wie es zur Traumatisierung kommt. Gerade die Zerstörung der eigenen Werte, welche man im Einsatz miterlebe, die komplette Auslieferung gegenüber der Situation und die ständige Bedrohung bewirkten das Auftreten von PTBS bei Soldat*innen. Anfälligkeit für PTBS hänge aber auch immer vom Typ ab. Die Rolle eines Seelsorgers sehe er persönlich daher vorwiegend als Zuhörer. Begegnungen mit von PTBS Betroffenen zuhause sollten daher vor allen Dingen menschlich ausgestaltet werden.

Der letzte Diskutant, Dr. Mattiesen, ergänzte mit seinen Beiträgen die persönlichen Erzählungen der beiden anderen Redner. Er erklärte, dass PTBS auch in der Heimat permanent auftreten könne. Eine Identifizierung der Erkrankten ex post sei aber überaus schwer, weshalb auch gute technische und psychologische Vorbereitung für den Einsatz als Präventivmaßnahmen verstanden werden müssten. Genaue Erkrankungszahlen seien nur umständlich zu erfassen. Hinzu komme außerdem, dass PTBS erst in den letzten Jahren in Statistiken aufgenommen wurde. Studien der Bundeswehr gingen zurzeit davon aus, dass 2,9% der BundeswehrsoldatInnen betroffen seien. Gesellschaftlicher Druck stelle aber eine ebenso große Herausforderung für die Erkrankten dar, wie der Kriegsdruck selbst. Dr. Mattiesen appellierte deshalb, dass die Gesellschaft als Ganze die rückkehrenden Soldati*innen besser auffangen müsse.

Besonders extensiv wurde im Anschluss an das Gespräch über die Beziehung zwischen der Bundeswehr und der deutschen Gesellschaft diskutiert. Alle Diskutant*innen waren sich einig, dass der Diskurs zwischen Gesellschaft und Armee ausgebaut werden müsse. Annäherung sei von beiden Seiten nötig, eine „Kultur der Wertschätzung“ für die ehemaligen Soldat*innen wichtig, in Deutschland aber kaum vorhanden. Hier könnten Großbritannien und Kanada als Vorbilder dienen. Auch Fragen zu PTBS bei Flüchtlingen wurden thematisiert. Abermals bestand Einigkeit darüber, dass für den Umgang mit dieser Erkrankung die gesellschaftliche Sensibilität erhöht werden müsse. Das Phänomen der Machtlosigkeit betreffe auch die Angehörigen der Streitkräfte. Auf die Frage, ob es nach einem Einsatz mehr Untersuchungen geben solle, verwies man auf die schon bestehenden Pflichtuntersuchungen und die Problematiken einer Diagnostizierung von PTBS, die auch oftmals mit Zeitverzögerung einsetze. Ferner bestünden noch immer Hemmungen, offen mit einer Erkrankung umzugehen.