ein Wahlbriefing von Fiona Böttger, Diane Langeloh und Florentine Seifert
Heute wird in Ungarn ein neues Parlament, die sogenannte Nationalversammlung gewählt. Zum ersten Mal seit 2010 liegt die Fidesz, die Partei des aktuellen Premiers Viktor Orbán, in Umfragen deutlich hinter einer oppositionellen Partei. Fidesz werden in aktuellen Umfragen (Stand 30.03.26) rund 40,5% der Wählerstimmen prognostiziert. Orbáns größter Konkurrent ist Péter Magyar, der Vorsitzende der Partei Tisza. Diese führt seit Monaten in den Umfragen, aktuell wird der bedeutendsten Oppositionspartei Ungarns ein Wahlergebnis von 47,8% prognostiziert (Politpro, 2026).

Seit 2010 regiert Viktor Orbán Ungarn und in diesen 16 Jahren waren die Umfragewerte seiner Partei vor einer Wahl so schlecht, noch nie war Orbán mit einer derart starken Oppositionspartei konfrontiert.
Péter Magyar ist damit die große Hoffnung der Opposition, dabei war er noch Anfang 2024 ein Regierungsbeamter und Unterstützer Orbáns. Anfang 2024 wurde Magyars Exfrau Judit Varga, die damalige Justizministerin, als Folge eines Justizskandals zum Rücktritt gedrängt, da sie an der Vertuschung von Missbrauchsfällen in einem Kinderheim beteiligt war. Als Reaktion darauf äußerte Magyar in einem polarisierenden Interview erstmals öffentliche Kritik an dem, von der Fidesz-Partei dominierten, politischen System. Seit April 2024 ist Magayr stellvertretender Vorsitzender der TISZA (SZ, 2024), seine Bekanntheit in Ungarn half der vorher fast unbekannten Partei zu einem Ergebnis von 29,6% in bei der Europawahl, Magyar erhielt ein Mandat im Europaparlament. In der ungarischen Nationalversammlung ist TISZA allerdings bislang nicht vertreten (Europäisches Parlament, 2024).
TISZA lässt sich im politischen Spektrum als eine Mitte-Rechts-Partei mit einer proeuropäischen Haltung einordnen (Politpro 2026). Die zentralen Themen von Magyars Wahlkampf sind die Bekämpfung der Korruption sowie eine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation, Senkung der Inflation und eine allgemeine Erhöhung des Lebensstandards. Außerdem kritisiert er die Kreml-Nähe Orbáns, vermeidet aber eine Thematisierung des Ukrainekrieges im Wahlkampf (Spiegel, 2026).
Ungarn zwischen EU-Abhängigkeit und institutioneller Gegnerschaft
Seit dem Amtsantritt Viktor Orbáns im Jahr 2010 hat sich das Verhältnis Ungarns zur EU von einer weitgehend konstruktiven Mitgliedschaft zu einer strukturellen Konfliktbeziehung gewandelt. Orbáns autoritärer Regierungsstil, der vielfach als Angriff auf demokratische Institutionen und die Unabhängigkeit der Justiz gewertet wird, hat zu wiederholten Konflikten mit der EU geführt. Als direktes Instrument reagierte Brüssel mit dem Einfrieren von EU-Fördermitteln: Die EU-Zahlungen an Ungarn fielen von rund drei Prozent des BIP im Jahr 2022 auf weniger als ein Prozent, hauptsächlich aufgrund von Streitigkeiten über Rechtsstaatlichkeit und Korruption (Israel, 2024). Dies hat gravierende makroökonomische Folgen, denn zwischen 2024 und 2026 werden Ungarn jährlich durchschnittlich fast neun Milliarden Euro an EU-Mitteln fehlen, was fast fünf Prozent des ungarischen BIP von 2023 entspricht (Internationale Politik, 2024). Auf diplomatischer Ebene hat Budapest wiederholt Beschlüsse zur Ukraine-Unterstützung blockiert oder verzögert, mit der Begründung, dass die EU und Ungarn kein Interesse an einer Kriegsdrohung und einem direkten Konflikt mit Russland hätten (Zeit Online, 2023). Trotz dieser Spannungen schloss Orbán im Januar 2026 einen EU-Austritt aus, mit dem Verweis, dass 85 Prozent der ungarischen Exporte in den EU-Markt gingen und die EU “von allein zerfallen” würde (Euronews, 2026). Die Beziehung zwischen Budapest und Brüssel bleibt damit von einem instrumentellen Kalkül geprägt: Ungarn nutzt seine Mitgliedschaft selektiv und konfrontativ, ohne die wirtschaftliche Abhängigkeit von der Union aufgeben zu können oder zu wollen.

Selektive Solidarität: Orbáns Doktrin der Nichtbeteiligung im NATO-Kontext
Auch innerhalb der NATO nimmt Ungarn unter Orbán eine zunehmend divergente Sonderrolle ein, die das Bündnis in seinen kollektiven Handlungsfähigkeiten belastet. Im Juni 2024 einigten sich Orbán und NATO-Generalsekretär Stoltenberg auf eine pragmatische Formel: Ungarn erhielt die Garantie, sich nicht an Militäroperationen außerhalb des NATO-Territoriums beteiligen zu müssen, und sagte im Gegenzug zu, die Unterstützungsbemühungen anderer Verbündeter für die Ukraine nicht per Veto zu blockieren. Inhaltlich lehnt Budapest jede Beteiligung an der westlichen Ukrainepolitik ab. Ungarn werde sich weder finanziell noch personell an den NATO-Plänen beteiligen,so Orbán (Ngendakumana, 2024). Darüber hinaus wirft Ungarns Verteidigungsminister dem NATO-Generalsekretär Mark Rutte vor, die europäische Öffentlichkeit auf einen großen Krieg einzustimmen, und betont Ungarns Anspruch, sich aus einer militärischen Eskalation herauszuhalten. Diese Haltung fügt sich in Orbáns übergeordnete außenpolitische Doktrin ein, die westliche Sicherheitsdebatten als Eskalationstreiber rahmt und Ungarn als Friedenswahrer positioniert. Formell erfüllt Ungarn zwar seine Beitragsquote von zwei Prozent des BIP für Verteidigungsausgaben und hält 1.300 Soldaten in NATO-Operationen bereit, doch politisch betreibt die Orbán-Regierung eine strategische Distanzierung von den kollektiven Positionen des Bündnisses, mit wachsenden Spannungen insbesondere im Hinblick auf die anstehenden ungarischen Parlamentswahlen im Frühjahr 2026 (Euractiv, 2024).
Moskaus Mann in Budapest? Orbáns Russlandpolitik zwischen Pragmatismus und strategischer Abhängigkeit
Während ganz Europa nach dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 die Beziehungen zu Moskau weitgehend abbrach, hält Viktor Orbán an engen Verbindungen zum Kreml fest. Ungarn bezieht weiterhin große Mengen russischer Energie und pflegt diplomatische Kontakte, die innerhalb der EU zunehmend als strategisches Problem wahrgenommen werden. Im März 2026 enthüllte die Washington Post, dass Ungarns Außenminister Szijjártó bei EU-Treffen während der Pausen regelmäßig mit dem russischen Außenminister Lawrow telefoniert und dabei vertrauliche Informationen über laufende Diskussionen weitergegeben haben soll. (ZDF, 2026) Die Regierung in Budapest bezeichnete die Berichte zunächst als „Fake News“, räumte die Kontakte dann aber ein und erklärte sie zur normalen Diplomatie. (t-online, 2026)
Orbán nutzt sein Vetorecht systematisch: Er blockiert die beschlossene Ukraine-Finanzierung von 90 Milliarden Euro und knüpft seine Zustimmung an die Wiederaufnahme russischer Öllieferungen durch die Druschba-Pipeline. Zudem versucht er regelmäßig, Sanktionen gegen Russland abzuschwächen oder zu verhindern und widersetzt sich den EU-Bemühungen zur Verringerung der Energieabhängigkeit von Moskau. (Industriemagazin, 2025)

Kurz vor der ungarischen Parlamentswahl am 12. April 2026 wurde bekannt, dass Russland aktiv in den Wahlkampf eingegriffen hat. Experten für Social-Media-Manipulation sollen nach Budapest geschickt worden sein, um antieuropäische und antiukrainische Desinformation zu verbreiten und Orbán als Verteidiger nationaler Souveränität darzustellen. Einem internen Dokument zufolge soll der russische Auslandsgeheimdienst SWR sogar einen fingierten Anschlag auf Orbán erwogen haben, um dessen Wahlchancen zu verbessern – ein Plan, der offenbar nicht umgesetzt wurde, aber Moskaus strategisches Interesse am Machterhalt Orbáns deutlich zeigt. (NZZ, 2026)
Einfallstor für Peking: Wie Ungarn zur Brücke zwischen China und der EU wird
Neben Russland ist China ein zentraler Pfeiler von Orbáns Außenpolitik. Inzwischen fließen 30 Prozent der chinesischen Direktinvestitionen in die EU nach Ungarn – das kleine Land ist zum Einfallstor der Supermacht China in die EU geworden. (Euractiv, 2024) Die in Ungarn hergestellten Produkte gelten als EU-Produkte und können zollfrei in alle EU-Länder ausgeführt werden. Bei Debrecen baut CATL eine Batteriefabrik für rund 7 Milliarden Franken, Huawei betreibt in Ungarn die größte Produktionsanlage außerhalb Chinas, und BYD baut sein erstes europäisches Werk in Szeged. (NZZ, 2025).

Weitgehend unbemerkt von der europäischen Öffentlichkeit hat Ungarn ein Abkommen mit Peking geschlossen, das eine „Zusammenarbeit in Justiz- und Sicherheitsfragen“ vorsieht. Das Innenministerium bestätigte, dass „Polizeibeamte beider Länder künftig gemeinsam Patrouillen durchführen können.“ Da sich chinesische Polizisten innerhalb des Schengen-Raums frei bewegen können, ist die Reichweite dieses Abkommens weit größer als Ungarn allein. (Ungarn heute, 2024)
Ungleiche Ausgangsbedingungen: Wahlsystem, Medienmacht und Gegenmobilisierung in Ungarn
Das ungarische Parlament wird nach einem personalisierten Verhältniswahlrecht gewählt, welches strukturelle Parallelen zum deutschen Bundestagswahlsystem aufweist, sich von diesem jedoch in wesentlichen Punkten unterscheidet. Wie im deutschen Mischwahlsystem verfügen die Wahlberechtigten über zwei Stimmen: Die Erststimme entscheidet über die Vergabe der Direktmandate in den jeweiligen Wahlkreisen nach relativem Mehrheitswahlrecht, während die Zweitstimme einer landesweiten Parteiliste gilt. Die Gesamtgröße des Parlaments ist auf 199 Mandate festgeschrieben, von denen 106 über Direktmandate und 93 über die Parteilisten vergeben werden. Im Unterschied zum deutschen Modell, bei dem die Zweitstimme die proportionale Sitzverteilung bestimmt und Direktmandate durch Überhang- und Ausgleichsmandate kompensiert werden, folgt das ungarische System einer strikten Segmentierung: Direkt- und Listenmandate werden unabhängig voneinander vergeben, ohne dass ein Proporzausgleich stattfindet. Dies führt strukturell zu einer Begünstigung großer Parteien und schwächt die Proportionalität des Gesamtergebnisses. (Deutsch-Ungarisches Institut, 2021). Ein entscheidender Schritt zum Wahlsieg ist daher, in den Wahlkreisen Unterstützung für die eigene Kandidatin oder den Kandidaten zu mobilisieren.
Wenn es um das Erreichen und Mobilisieren von Wählerinnen und Wählern geht, hat Orbán sich allerdings in seinen Jahren als Regierungschef einen gewaltigen Vorteil verschafft. Seit 2010 arbeitet die Fidesz-Regierung daran, die ungarische Medienwelt mit verschiedenen Methoden gleichzuschalten. Viele Ungarische Medienhäuser wurden von Fidesz- treuen Millionären, die ihr Vermögen durch Staatsaufträge verdient haben, aufgekauft, um regierungskritische Berichterstattung zu unterbinden, andere Medien werden von der Fidesz selbst über Stiftungen kontrolliert, außerdem wurde der öffentliche Rundfunk Ungarns zentralisiert (FAZ, 2026). Schon 2010 beschloss das ungarische Parlament mit 2/3 Mehrheit ein Gesetz, welches es den Behörden erlaubt, die Berichterstattung direkt zu kontrollieren (LPB Baden-Württemberg, 2021). Es wird geschätzt, dass 80% der klassischen Medien in Ungarn direkt oder indirekt von der Regierung kontrolliert werden. Bei „Reporter ohne Grenzen“ belegt Ungarn deshalb nur den 68 Platz (von 180) im weltweiten Ranking der Pressefreiheit (Reporter ohne Grenzen, 2026). Orbán nutzt im Wahlkampf diese Medienhoheit aus, um Desinformationen über TISZA und Magyar zu verbreiten und mit gezielten Schmutzkampagnen seinem Ruf zu schaden. So behauptet Orbán immer wieder, Magyar sei von der Ukraine kontrolliert und würde, sollte er gewählt werden, ungarische Soldaten an die ukrainische Front schicken, dass er ein „Agent Brüssels“ sei und die nationale Unabhängigkeit Ungarns zugunsten der EU beseitigen wolle (N-TV, 2026).
Auch wenn die Fidesz-Regierung die klassischen Medien größtenteils kontrolliert und monopolisiert, ist in den sozialen Medien ist TISZA um einiges erfolgreicher (FAZ, 2026). Eine weitere Mobilisierungsstrategie Magyars ist es, direkten Kontakt zu den Wählerinnen und Wählern aufzubauen. Er hat es sich zum Ziel gesetzt, bis zum Ende des Wahlkampfs alle Wahlkreise persönlich besucht zu haben (Spiegel, 2026).
Wie könnte Ungarn nach dem 12. April aussehen?
Seit einigen Monaten liegt TISZA vor der Fidesz, damit ist das derzeit wahrscheinlichste Szenario, dass Magyars Partei die Parlamentswahl mit einer einfachen Mehrheit gewinnt. Was könnte sich im Fall von Wahlsieg Magyar ändern?
Ein zentrales Wahlversprechen Magyars ist es, das Verhältnis Ungarns zur EU zu verbessern, auch um wieder Fördergelder aus Brüssel zu erhalten, um die Wirtschaft des Landes zu stärken. Die Gelder werden bislang aufgrund mangelnder Rechtsstaatlichkeit, dazu gehört auch die stark eingeschränkte Pressefreiheit, zurückgehalten. Allerdings wird es für TISZA wahrscheinlich nicht möglich werden, das illiberale System, das Orbán in seiner Zeit als Premier geschaffen hat, vollständig zu entfernen, selbst wenn sie die Wahl gewinnen sollten. Verschiedene Verfassungsänderungen, die Orbán mithilfe einer 2/3 Mehrheit durchgeführt hat, ebenso wie die Besetzung von wichtigen Posten bei Medienaufsicht und Gerichten, all das lässt sich nur mit einer 2/3 Mehrheit umkehren, welche TISZA voraussichtlich nicht erreichen wird (Euobserver 2026).
Es ist also ungewiss, in welcher politischen Realität die ungarische Bevölkerung am 13. April aufwacht. Festzuhalten ist aber: Ein klassisches weiter-so wird, auch wenn Orbán gewinnt, nicht möglich sein. Wenn Magyar gewinnt, hängt seine politische Schlagkraft von der Anzahl an Direktmandaten, die seine TISZA für sich gewinnen kann, ab.
Euractiv. (2024, Februar 19). Chinas Einfluss in Ungarn: Unterstützung bei der inneren Sicherheit.
Euractiv DE. (2024, 12. Juni). Ungarn wird keine NATO-Militärhilfe für Ukraine leisten.
Euobserver. (2026, 24. März). How Orbán could still rule even if Tisza wins: five scenarios for the Hungarian election.
Euronews. (2026, 6. Januar). Hungary will not leave the EU, it will fall apart on its own, Orban said.
FAZ. (2026, 28. März). Wie Orbán die Medien unter Kontrolle gebracht hat.
Industriemagazin. (2025, September 25). Putin-Öl bleibt: Ungarn stellt sich offen gegen US-Forderungen.
Internationale Politik. (2024, 26. Februar). Das Ungarn-Problem der EU.
Israel, S. (2025, 23. March). Viktor Orbán: Why he continues to escalate in isolation. Table.Media.
Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. (2021). Presse- und Meinungsfreiheit in Ungarn.
Ngendakumana, P.E. (2024, 24. Mai). Hungary looking to redefine its NATO membership. Politico.
N-TV. (2026, 28. März). Darum feiern viele Ungarn Orbán noch immer.
NZZ. (2025, März 14). Hilfe aus dem Kreml für Viktor Orban: Russische Desinformation soll die Wahl in Ungarn beeinflussen.
NZZ. (2024, Mai 10). Xi Jinping in Ungarn: Viktor Orban bietet China ein Einfallstor für die EU.
Pester Lloyd. (2025, 13. Dezember). Ungarns Verteidigungsminister wirft NATO Eskalationsrhetorik vor.
Politpro. (2026, 30. März). Die aktuellen Umfragewerte zur Parlamentswahl in Ungarn.
Reporter ohne Grenzen. (2026). Ungarn.
Reuters. (2026, 25. März). Hungary’s opposition Tisza party widens lead over Orban’s Fidesz, poll says.
Spiegel. (2026, 29. März). Wir wollen den Alten noch ein letztes Mal sehen.
Süddeutsche Zeitung. (2026, 15. März). Das ist der Mann, der Viktor Orbán aus dem Amt jagen will.
t-online. (2026, März 22). Orbáns Minister soll Putin EU-Geheimnisse verraten haben.
Ungarn heute. (2024, März 7). Chinesische Polizisten dürfen auch in Ungarn patroullieren.
ZDF. (2026, April 6). Ungarn und die EU: Das sind die größten Streitpunkte.
Zeit Online. (2023, December 14). EU-Gipfel: Orbán lehnt Start der EU-Beitrittsverhandlungen mit Ukraine weiter ab.
