Folter im Namen der Freiheit?

Am 15. Juni 2016 luden das Forum für internationale Sicherheit und die Fachschaft Psychologie zur Veranstaltung „Folter im Namen der Freiheit?“ in das Psychologische Institut ein. Nach einer thematischen Einführung durch Prof. Dr. Joachim Funke wurden Teile der Dokumentation „Folter made in USA“ gezeigt und diskutiert.

Im Zentrum der Veranstaltung standen die Folterpraktiken der USA in Folge der Terroranschläge vom 11. September 2001. Prof. Funke verdeutlichte zu Beginn der Veranstaltung die interdisziplinäre Bedeutung des Themas. Folter wurde von der Bush-Administration gezielt zur Informationsgewinnung eingesetzt, gerechtfertigt wurden die Praktiken durch konservative Juristen, Psychologen und Mediziner halfen bei der Entwicklung möglichst effektiver Maßnahmen. Mit dieser Politik beschädigte die USA die 1948 verkündete Allgemeine Konvention der Menschenrechte sowie die 1984 beschlossene Antifolterkonvention der Vereinten Nationen schwer. Laut Amnesty International finden auch heute noch in 141 Ländern Foltermaßnahmen Anwendung. Prof. Funke betonte die schwerwiegenden Folgen der sogenannten „weißen Folter“. Hierbei handelt es sich um Maßnahmen, die kein Blut vergießen, aber nicht minder schwerwiegend sind. So führen Maßnahmen der „weißen Folter“ zu Traumata, die teilweise erst nach langer Latenzzeit auftreten und sehr lange Laufzeiten aufweisen können. Ferner wies Prof. Funke darauf hin, dass unter Folter keine verlässlichen Informationen zu gewinnen sind, da Betroffene zu allen Aussagen bereit sind, um akutes Leiden zu beenden. Folter ist daher nicht nur grausam, sondern bleibt auch ohne informationellen Mehrwert.

Prof. Funke ging weiterhin auf die Historie von Folter und Psychologie ein indem er bspw. auf das sogenannte Milgram-Experiment von 1961 verwies. Hier ging es darum zu testen, inwiefern Probanden gewillt waren Anweisungen von Autoritätspersonen zu befolgen, obwohl diese vermeintlich mit körperlichen Schmerzen für andere Personen verbunden waren. Die Studie zeigte, dass Probanden häufig diesen Anweisungen Folge leisteten. Ein Umstand der auch bei den Folterpraktiken der USA einflussreich war, so bestand bspw. die CIA auf schriftliche Anweisungen der politischen Autoritäten. In diesen mussten alle anzuwendenden Maßnahmen dokumentiert werden. Die besondere Autoritätsgläubigkeit sowie die Überzeugung das Richtige und Notwendige zu tun, sind entscheidende Motivationen für Folterer.

Wie weitreichend auch die Beteiligung namhafter Fachvertreter der Psychologie waren, verdeutlichte 2015 der sogenannte Hoffman-Report. Hier wurde deutlich, wie nach den Anschlägen vom 11. September die ethischen Richtlinien des Faches gezielt ausgehöhlt wurden, um Folter akzeptabel erscheinen zu lassen. In der Folge von 9/11 beteiligten sich namhafte Vertreter des Faches an der Konzeption möglichst effektiver Foltermethoden. An dieser Stelle diskutierte Prof. Funke auch die Möglichkeit für Psychologen das Äquivalent eines hippokratischen Eides einzuführen und so klare ethische Standards zu definieren.

Betrachtet man die gesellschaftliche Akzeptanz von Folter, so zeigt sich, dass in Deutschland 78% der Bevölkerung Folter strikt ablehnen. 19% halten Folter in Ausnahmesituationen für akzeptabel, in den USA liegt dieser Wert bei etwa 45%.

Vor diesem Hintergrund wurden im Anschluss Teile der Dokumentation „Folter made in USA“ von Marie-Monique Robin gezeigt. Die Dokumentation verdeutlicht einerseits die Rechtfertigungsmechanismen der Handelnden und gibt andererseits Einblick in verwendete Folterpraktiken wie Schlafentzug, das Verharren in Stresspositionen, Isolation, der Einsatz von Hitze und Kälte oder das Waterboarding.

Im Anschluss wurde das Thema im Plenum weiter diskutiert. Hierbei kamen verschiedene Aspekte zur Sprache. Unter anderem wurde der in Deutschland bekannte Entführungs- und Mordfall Jakob von Metzler diskutiert. In diesem Fall wurden dem Täter Schmerzen angedroht, um den Aufenthaltsort des Opfers zu erfahren. Hier zeigte sich, dass das Publikum die Situation unterschiedlich beurteilte. Einerseits wurde der Standpunkt vertreten, dass das Androhen von Folter bereits Folter sei. Andererseits wurde das moralische Dilemma betont und eine potenzielle Güterabwägung nicht ausgeschlossen. Ferner wurde darüber gesprochen, dass Demokratien Folter häufig nicht auf eigenem Territorium anwenden, sondern, wie die USA in Guantanamo oder Abu-Ghuraib, sogenannte „black sites“ nutzen. Eine abschließende Online-Abstimmung unter den Teilnehmern ergab, dass die große Mehrheit Folter strikt ablehnte, etwa 20% der Teilnehmer hielten sie in Ausnahmefällen für zulässig.

Die Veranstaltung bildete den Auftakt zu einer weitergehenden interdisziplinären Kooperation des FiS mit der Fachschaft Psychologie. Derzeit ist eine weitere Veranstaltung zum Thema Folter im kommenden Semester in Planung.