Podiumsdiskussion Krieg in der Seele: Irritation der Systeme

Dies ist ein Gastbeitrag von Dr. Christoph Trinn, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politische Wissenschaft an der Universität Heidelberg

 

Im Februar 2015 kam der Spielfilm „American Sniper“ in die deutschen Kinos. Der Film ist biographisch angelegt und fokussiert auf die post-traumatische Belastungsstörung (PTBS) des US-Soldaten Chris Kyle, der als Scharfschütze im Irakkrieg weit mehr als 160 Personen getötet hat. Besonders eindrücklich waren die Szenen, in denen die wiederkehrende Vermischung der militärischen und der zivilen „Welten“ deutlich wurde, zum Beispiel wenn Kyle auf Heimaturlaub war oder seine Ehefrau ihn inmitten eines Einsatzes auf dem Handy anrief. Eine wichtige Quelle der psychologischen Belastung schien dieses permanente Eindringen der Alltagwirklichkeit in die Einsatzrealität zu sein.

Es stellt sich die durchaus kontroverse Frage, ob ein Katalysator für das Auftreten von PTBS in der Tatsache begründet liegen könnte, dass Soldaten heutzutage in zwei inkongruenten Welten mit ihren voneinander abweichenden Erwartungshorizonten leben müssen. Soldaten bewegen sich nicht allein in einem abgeschlossenen militärischen System, sondern nehmen selbstverständlich auch am zivilen Leben Teil. Die Grenzen zwischen diesen beiden „Systemen“ werden jedoch zunehmend unscharf. Die wiederkehrende Unterbrechung von Kampf- durch Heimaterfahrungen und umgekehrt verhindert ein „Abschließen“ und „Hinter-sich-Lassen“ des Erlebten. Zudem sind zivile Diskurse über Militäreinsätze durch militärferne, vor allem juristische und psychologische Logiken gekennzeichnet. Ein Stressfaktor für Soldaten könnte, systemtheoretisch betrachtet, also darin bestehen, dass sie ihre Handlungen an systemfremden Deutung- und Wertungsmaßstäben rechtfertigen müssen.

Dies dürfte umso auffallender sein, je größer die soziale Distanz zwischen dem militärischen und dem zivilen System ist. In einer dezidiert „post-heroischen“ und von ihrem Selbstverständnis her tendenziell pazifistischen Gesellschaft wie der deutschen sind militärische Begründungsmuster selten anzutreffen oder stoßen auf Kritik. Die soziale Distanz zeigt sich aber auch schon in der Tatsache, dass der „Normalbürger“, zumal nach der Abschaffung der Wehrpflicht, kaum mehr persönliche Erfahrungen mit Soldaten macht und auch die Soldaten selbst beispielsweise nicht selten vom Tragen ihrer Uniformen im öffentlichen Raum absehen.

Die Bundeswehr sieht zumindest von offizieller Seite eine solche soziale Distanz offenbar nicht als gegeben. Einschätzungen von inoffizieller Seite sehen jedoch anders aus. Was hingegen auch öffentlich durch das Militär angesprochen wird, ist ein wahrgenommener Mangel in der Wertschätzung der Kampfeinsätze durch die breitere Gesellschaft. Doch wie sollte diese etwas wertschätzen können, was sie nicht (länger) versteht? Die gründliche Entmilitarisierung der Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg führte zu einem Unverständnis und damit zwangsläufig zu einer Geringschätzung des Militärischen. In einer „heroischen“ Gesellschaft hingegen tritt PTBS möglicherweise seltener auf. Zugespitzt gefragt: Erlebt ein Taliban-Kämpfer seine Taten als traumatisierend? Vermutlich nicht. Die Wertschätzung durch seine Bezugsgruppe wird ihn davor bewahren. Wenn dem so ist, könnte eine Ursache von PTBS mithin in der beständigen Irritation der militärischen Lebenswelt durch systemfremde Logiken bestehen.

Mitunter scheint es so, als wolle man neuerdings die Unterstützung der Soldaten durch die zivile Gesellschaft dadurch erhöhen, dass man diese durch eine Wiedererfindung „heroischer“ Traditionen wie Ritualen, Gedenktagen und Denkmälern ein klein bisschen weniger entmilitarisiert macht. In einer durch und durch „post-heroischen“ Gesellschaft ist eine solche Strategie freilich ein künstliches und damit wirkungsloses Unterfangen. Die Gesellschaft lässt sich nicht „designen“, und das Rad der Geschichte will gerade in Deutschland kaum jemand zurückdrehen.

Die vielleicht wichtigste Frage in diesem Zusammenhang ist jedoch, ob PTBS bei Soldaten mit Einsatzerfahrung überhaupt eine „Störung“, eine Krankheit ist. Der Leidensdruck der Betroffenen spricht zunächst dafür. Leidensdruck ist jedoch nicht allein ein psychologisches oder medizinisches, sondern auch ein moralisches Symptom: Der Druck des Gewissens ist sprichwörtlich. Zu den systemfremden Logiken, denen sich Soldaten ausgesetzt sehen, zählen nicht nur psychologische und juristische Bewertungskriterien, sondern auch ethische Wertungsmaßstäbe. Anders als einem Taliban-Kämpfer bleiben einem heutigen deutschen Soldaten irritierende, mit seinem Training und seinen Überzeugungen zuweilen nicht in Deckung zu bringende ethische Anfragen an sein Tun nicht erspart. Wenn Soldaten, unter ihnen auch Offiziere, dieses Ansinnen mit dem Verweis auf die „Automatisierung“ der Einsatzabläufe durch professionelles Training oder die unbedingte Priorität des Schutzes der Kameraden von sich weisen, dann zeigt dies nur die Inkongruenz zwischen den Systemanforderungen des Militärs einerseits und den individualistischen und zugleich kategorischen Anforderungen der westlichen Ethik andererseits.

Wenn diese Überlegungen zutreffen, ist ein Soldat, der an PTBS leidet, nicht im eigentlichen Sinne krank, vielmehr er zeigt ein gesundes Gewissen. Ein Hinweis auf die Richtigkeit dieser These könnte sein, dass sensitive und empathische Menschen offenbar anfälliger für PTBS sind als kaltblütigere Zeitgenossen. Letztlich ist auch der Bereich des Militärischen schlicht den Irritationen ausgesetzt, die vom deutschen Grundgesetz und seiner unbedingten Zentrierung der menschlichen Person ausstrahlen: Auch der militärische Gehorsam und das soldatische Verhalten in Gefechtssituationen ist dem Wertmaßstab des individuellen Gewissens geöffnet. Dass Soldaten unter dem, was sie im Einsatz tun oder erleben, oftmals leiden, ist insofern – so hart dies auch klingt – nur folgerichtig. Ihr Leiden ist eine direkte Konsequenz der dezidierten Zivilisierung einer Gesellschaft, die sich nun plötzlich wieder mit militärischen Einsätzen konfrontiert sieht. Der Zusammenprall dieser Welten findet auch im einzelnen Soldaten statt.

Einen weiteren Rückblick auf die Podiumsdiskussion finden sie hier.