Podiumsdiskussion Krieg in der Seele: Krieg in der Seele vs. Frieden in der Seele

Dies ist ein Gastbeitrag von Markus Brutscher, Hochschulseelsorger am Katholischen Universitätszentrum Heidelberg

 

Im Nachklang zur Podiumsdiskussion vom Forum für internationale Sicherheit Heidelberg und dem Katholischen Universitätszentrum Heidelberg am 11.11.15 zum Thema „Krieg in der Seele – Trauma, Schuld und Verantwortung bei Militäreinsätzen“ möchte ich einen Gedankengang beitragen, der durch das spannende und vielschichtige Gespräch unserer Gäste in mir ausgelöst wurde:

Ausgangspunkt meiner Überlegung ist die Erkenntnis, dass Soldaten im Einsatz ein psychisches Trauma erleiden können. Dabei werden extrem tiefgreifende, schockierende Erlebnisse seelisch nicht bewältigt. Meist sind es lebensbedrohliche Erfahrungen, die die Betroffenen in extreme Angst, Hilflosigkeit und Ohnmacht versetzen. Häufig werden sehr viel später schwere psychische Störungen entwickelt, wie die der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Die Kriegserlebnisse werden wieder lebendig und führen zu unkontrollierten psychophysischen Reaktionen im alltäglichen Leben. Es herrscht wieder „Krieg in der Seele“.

Wissenschaftlich scheint es anerkannt zu sein, dass Soldaten mit hoher Sensibilität für moralische Werte und einem ausgeprägten, scharfsinnigen Gewissen besonders gefährdet sind, an einer PTBS zu erkranken. Nehmen wir einmal an, dass sich „unsere“ deutschen Soldaten in aller Regel an universal gültigen Menschenrechten, aber auch an grundsätzlicher Gewaltfreiheit, Versöhnungsbereitschaft und Solidarität orientieren und somit auch grundsätzlich „Frieden in der Seele“ herrscht, dann ist es leicht nachvollziehbar, dass die Erfahrung von unsäglicher Gewalt und menschenverachtender Brutalität diese seelische Integrität zerstören kann und die Seele beginnt, permanent „Krieg zu führen“.

Im Kontrast dazu erscheinen Gewaltverbrecher wie etwa Selbstmordattentäter oder Terrorgruppen als Menschen(!), deren Seele von vornherein durch Krieg geprägt ist. Dabei macht es vermutlich keinen großen Unterschied, ob sie von ihren zerstörerischen Motiven persönlich überzeugt sind oder eher als Mitläufer gelten. Die Diskrepanz zwischen ihrer Idealität „in der Seele“ und der Realität „im Krieg“ schwindet, sodass unter gewaltbereiten bzw. gewaltverherrlichenden Bedingungen aller Wahrscheinlichkeit nach posttraumatische Belastungsstörungen weit weniger bis gar nicht auftreten (können).

Nehmen wir nun beide Phänomene zusammen, dann zeigt sich, dass gerade die sogenannte asymmetrische Kriegsführung mit terroristischen Aktionen wie Selbstmordattentaten, Angriffen gegen einheimische Zivilisten und Soldaten, ausländische Truppen und internationale Hilfsorganisationen die moralische Orientierung für deutsche Soldaten massiv erschweren. Eine vermeintlich harmlose Friedensmission ist nicht mehr scharf von einer eindeutig bewaffneten Auseinandersetzung zu trennen. Sprich: „Frieden in der Seele“ trifft auf „Krieg in der Seele“ verbunden mit einem enorm traumatisierenden Potential gerade für diejenigen, die ihre moralische Integrität als Soldaten bewahren möchten.

Mein Fazit: Wir alle, die Politik und die Gesellschaft in Deutschland, tragen gemeinsam die eigentliche Verantwortung dafür, ob deutsche Soldaten ihren angelegten „Frieden in der Seele“ bewahren können trotz ihrer militärischen Einsätze. Einerseits sollten die moralischen Standards in Politik und Gesellschaft und somit auch in der Bundeswehr weiterhin anspruchsvoll und hoch bleiben. Eine Abkehr von den benannten Idealen der Menschenwürde, der grundsätzlichen Gewaltfreiheit, Versöhnungsbereitschaft und Solidarität hin zu einer kriegskompatibleren, beispielsweise utilitaristischen Grundhaltung, bei der es um eine ausschließliche Nützlichkeitsabwägung ginge, ist aus meiner Sicht strikt abzulehnen. Andererseits erscheint es mir gerade vor dem Hintergrund dieser besonderen moralischen Herausforderung sehr geboten zu sein, den internationalen Militärdienst deutscher Soldaten in unserer Gesellschaft mehr als „Friedensdienst“ wahrzunehmen und wertzuschätzen. Ein Militäreinsatz mit „Frieden in der Seele“ macht uns nämlich bewusst, in welch extrem kontrastreicher Welt wir leben: Nach 70 Jahren Nachkriegserfahrung herrscht in Europa weitgehend „seelischer Frieden“. Deutsche Soldaten als „Heimkehrer“ und „Veteranen“ konfrontieren uns zu Recht mit der anderen Wirklichkeit dieser globalen Welt: Eigentlich ist ja kein Mensch für den Krieg „gemacht“, aber er existiert in den Seelen vieler Menschen dieser Welt.

Einen weiteren Rückblick auf die Podiumsdiskussion finden sie hier.