Am Donnerstag den 14.12.2017 luden die Deutsche Atlantische Gesellschaft e.V, das Heidelberger Center for American Studies und das Forum für Internationale Sicherheit zum Vortrag „Hauptsache Allianz gesichert? Die neue Ära der NATO-Türkei Beziehungen“ ein. Der Vortrag wurde von Frau Dr. Magdalena Kirchner gehalten, einst Doktorandin der Uni Heidelberg, mittlerweile jedoch als Mercator IPC-Fellow am Istanbul Policy Center. Schon im Rahmen vorheriger Tätigkeiten arbeitete sie viel im Bereich der Sicherheitspolitik, unter anderem am SWP und dem RAND Europe Cluster und beschäftigte sich intensiv mit der aktuellen Rolle der NATO-Türkei-Beziehungen.

Nach einer kurzen Einleitung von Prof. Dr. Sebastian Harnisch, Leiter des Lehrstuhls für  Internationale Beziehungen und Außenpolitik an der Universität Heidelberg, stieg Dr. Kirchner mit generellen Fragestellungen ein, die den Abend begleiten sollten: Wie entstehen Bündnisse, was macht Allianzen und insbesondere die NATO aus?  Wenn sich ein Sicherheitsumfeld verändert, bedeutet dies auch immer eine Veränderung für eine Sicherheitsallianz wie die NATO. Es gilt, ständig neu zu definieren, wieso das Bestehenbleiben des Bündnisses immer noch Sinn macht und nach wie vor notwendig ist. Dies hängt auch maßgebend mit den Dynamiken sich verändernder Gesellschaften zusammen, wie demografischen Trends, politischem Wechsel und einschneidenden Ereignissen wie beispielsweise dem Brexit.
Überträgt man diesen Kontext auf die Frage nach den aktuellen Türkei-NATO Beziehungen, sei es sehr wichtig, so Kirchner, den historischen Hintergrund der türkischen Mitgliedschaft in der NATO zu kennen. Sie erklärte, dass die Annäherung an die transatlantische Allianz sowohl seitens der Türkei aus Angst vor der Vereinnahmung durch die Sowjetunion entstand, jedoch auch die westlichen Alliierten aus Gründen des Kalten Krieges an dieser Partnerschaft interessiert waren. Zudem war die strategische Lage der Türkei zwischen Europa, Russland und dem Nahen Osten ein sehr großer Pluspunkt, der für den Beitritt der Türkei in die NATO sprach.
Dennoch betonte Kirchner, dass sich die Türkei insbesondere zu Beginn in einer Position der Schwäche in die Allianz begab, die sich durch die Angst, im Notfall keinen Beistand zu bekommen, begründete. Dies änderte sich jedoch mit der Jahrtausendwende, in der sich die Türkei zusehends als wichtiges Mitglied in vielen Stabilisierungsmissionen und als wertvoller Partner für den Westen etablierte. Mit der Bush-Ära verschiebt sich auch der Blick der USA in den Nahen Osten, und die Türkei wird wichtiger Luftwaffenstützpunkt fuer die NATO.
Frau Kirchner führte auch die Rolle der Türkei in der nahöstlichen Nachbarschaft als wichtigen Faktor in dieser Hinsicht aus, da sie als Status Quo-Macht gelte und ein großes Interesse an der Stabilität der Region habe. Wann also begann die Entwicklung, die zum heutigen angespannten Verhältnis zwischen der Türkei und der NATO führte?

Dies habe mehrere Gründe, so Kirchner: Zum einen führte die Unterstützung der Kurden seitens der USA oft zu Missmut und ist somit auch heute immer wieder ein grosser Streitpunkt wird. Hinzu kam, dass sich auch für die Türkei die Bedrohungen veränderten und vor allem Russland nicht mehr unbedingt als Gegner wahrgenommen wurde. Diese Tatsache wurde insbesondere in der Ära Erdogan verstärkt, der sich zunehmend besser mit Wladimir Putin verständigte und eine offene Haltung gegenüber russischen Politiken zeigte.

Hinzu komme allerdings auch die veränderte Wahrnehmung der NATO selbst seitens der Türkei. Die Fähigkeit und Effizienz der NATO würde nicht mehr so hoch eingestuft und es stelle sich immer lauter die Frage, ob die Allianz überhaupt noch der richtige Partner für die Sicherheit der Türkei sei. Eine wachsende türkische Rüstungsindustrie schielt zudem auf den Markt im Nahen Osten und selbst die Idee einer Art islamischen Sicherheitsallianz findet in offiziellen Kreisen Erwähnung. Insgesamt zog Kirchner das Fazit, dass die Glaubwürdigkeit und Relevanz der NATO in der Türkei demnach stark abgenommen habe.
Es gebe immer mehr Stimmen, die sich hinsichtlich der gemeinsamen Wertebasis nicht mehr in der NATO vertreten sähen. Gerade die Rolle des Islams und der muslimischen Gesellschaft fände sich nicht mehr wieder in der Allianz, folgt man der Logik der aktuellen politischen Elite, genauso wie eine stärkere Abkehr von der Linie der USA gefordert wird. Dem stellte Kirchner die Idee entgegen, dass eine stärkere hegemoniale Allianzführung seitens der USA die Abwanderungstendenzen eindämmen könne.

Kirchner leitete dann über zu den potenziellen Lösungen dieser Missstimmung zwischen der Türkei und der NATO. Sie begründet die Notwendigkeit für beide Seiten an der Allianz festzuhalten mit institutionellen und sozio-kulturellen Faktoren, die die Partnerschaft ausmachen. Gerade militärische Strukturen der NATO seien für die Türkei nach wie vor wichtig, doch auch gesellschaftlich wird ein Verbleib in der NATO von einer großen Mehrheit befürwortet.

Schlussendlich stellte Kirchner die Frage, wie man die NATO nun nicht nur in der Allianz halten könne, sondern zudem eine Rückkehr zu ehemaliger Kooperation und Harmonie schaffen könne. Denn auch für die NATO ist und bleibt die Türkei mit der zweitgrößten Streitkraft in der Allianz und einem einzigartigen geo-strategischen Standpunkt ein unverzichtbares Mitglied.
Frau Kirchner stellte mehrere Vorschläge für eine Verbesserung der Situation zur Diskussion: Es gehe darum, die Sichtbarkeit der Allianz in der Türkei zu erhöhen und neue Generationen somit wieder für die NATO begeistern zu können. Zudem sei es enorm wichtig, eine gemeinsame Strategie für Syrien und den Irak auszuarbeiten, um weitere Konflikte und Missverständnisse in diesem Kontext zu vermeiden.
Auch gelte es, die Fähigkeitslücken in der türkischen Militärstruktur zu schließen und die Türkei sogar an europäischen Sicherheitsmissionen zu beteiligen. Formate der kooperativen Sicherheit müssten wiederbelebt werden und somit eine gewisse Resilienz gegenüber russischen Einfluss geschaffen werden.

Diesem Abschluss des Vortrags folgte eine lebhafte Diskussion über die vorgeschlagenen Maßnahmen, der Frau Kirchner mit detaillierten Wissen begegnete und somit für einen rundum informativen Abend sorgte.