„Augenzeugen? Kriegs- und Krisenberichterstattung kritisch betrachtet“ lautete der Titel der Veranstaltung am 6. Dezember 2016, die gemeinsam vom Forum für internationale Sicherheit (FiS) und dem Katholischen Universitätszentrum Heidelberg (KUZ) organisiert wurde. Auf dem Podium waren Prof. Dr. Markus Behmer, Professor für empirische Kommunikatorforschung an der Universität Bamberg, und der Journalist Michael Unger, der für das internationale Reportagemagazin „Arte Reportage” arbeitet und vorwiegend über politische und humanitäre Themen aus Krisenregionen berichtet. Moderiert wurde die Diskussion von Maja Henke, Doktorandin am Lehrstuhl für internationale Politik und Außenpolitik an der Universität zu Köln.

Zunächst befasste sich das Panel mit grundlegenden Fragen der Kriegs- und Krisenberichtserstattung: Wer und was sind Augenzeugen? Was ist die Aufgabe von Journalisten und Medien? Prof. Dr. Behmer merkte an, dass Journalisten keine Augenzeugen seien. Sie seien nur Analysten, die Augenzeugen befragten, da sie selten selbst bei einem Ereignis vor Ort seien. Die Aufgabe der Report sei es, Nachrichten angemessen zu vermitteln und dabei die Komplexität zu vermindern. Jedoch, so Prof. Dr. Behmer, dürften Themen nicht zu sehr vereinfacht werden und bei der Berichterstattung – insbesondere in Kriegsgebieten – müsse stets die Würde des Einzelnen gewahrt werden. Zudem merkte der Professor der Universität Bamberg an, dass Medien bei der Krisenberichterstattung in einem Dilemma steckten: Einerseits werde von der Gesellschaft die Konfliktkonzentrierung und die damit einhergehende Negativität kritisiert, andererseits beklagt sie sich über die Vernachlässigung von bestimmten Konflikten. Derzeit sei der Fokus vor allem auf Syrien, Afghanistan und der Ukraine, wohingegen beispielsweise Gambia – und damit auch nahezu ganz Afrika – nicht auf der Agenda stehen würde. Prof. Dr. Behmer erklärte, dass Konflikte in ihrer Komplexität nicht voll abbildbar wären und die Nachrichten nur aus sogenannten „Spotnews“ bestünden. Dies liege vor allem auch daran, dass in vielen Gebieten nur „Fallschirmjournalisten“ eingesetzt würden, die nur eine kurze Zeit in der betroffenen Region seien und so viele Probleme nur sehr einfach und nicht objektiv darstellen würden. Im weiteren Verlauf sprach Prof. Dr. Behmer über den Einsatz und Bedeutung von Bildern aus der Region. Bilder seien vor allem zur Kontextualisierung gedacht, würden aber oft nur zur Inszenierung genutzt. Auch ethische und moralische Fragen würden sich bei der Einbindung von Bildern in die Berichterstattung stellen.

Michael Unger kritisierte die aktuellen Entwicklungen in der Kriegs- und Krisenberichterstattung. So gebe es heutzutage lediglich kurze Kriegs- und Krisenformate im Fernsehen, welche sich einzig auf Hintergrundberichterstattung konzentrierten. Längere Formate seien nur spät abends im Fernsehen zu finden und Analysen fänden nur vereinzelt statt. Der Mehrwert gehe deshalb im Fernsehen verloren, wohingegen es Hörfunk und Print leichter hätten. Der Journalist mahnte auch, dass die Berichterstattung in der heutigen Zeit schwieriger sei, da Reporter nicht mehr geschützt seien und mehr und mehr zu Zielscheibe würden. Danach sprach er die Qualitäten und Aufgaben eines Kriegs- und Krisenberichterstatters an. Zunächst bräuchte jeder Journalist vier Dinge: Respekt, Angst, Nutzen und gute Schuhe. Am Beispiel von Sambia machte Michael Unger klar, warum über dieses Land so wenige berichtet werde. Sambia liege weit ab von den aktuellen Nachrichtenzentren, sodass nur wenige Korrespondenten vor Ort seien. Daneben könne nicht über alle Themen berichtet werden, da Journalisten dazu an vielen Schauplätzen gleichzeitig sein müssten. Ferner werde in vielen Ländern nur über ein Thema berichtet. So hätten einige Themen derzeit Konjunktur, andere fänden dagegen weniger Beachtung.

Im nächsten Themenblock diskutierten die Teilnehmer über Empathie und Emotionen bei der Krisen- und Kriegsberichterstattung. Dabei würden vor allem Einzelschicksale betrachtet werden, da diese ausdrucksstark seien und bei den Zuschauern bestimmte Gefühle hervorrufen würden. Dabei würden speziell öffentlich-rechtliche Sender auf sogenannte „Fixer“ zurückgreifen, die Kontakte zu geeigneten Personen aus der Zivilgesellschaft hätten.

Im letzten Teil befasste sich das Podium mit den Schwierigkeiten, die derzeit auf die Medien zukämen. So würden heute viele Blogger aus Krisengebieten berichten. Deren Nachrichten seien aber oft nicht überprüfbar oder zum Teil sogar unwahr. Die Aufgabe von Journalisten sei es, diese News zu überprüfen und einzuordnen. Jedoch seien bestimmte Nachrichten und Bilder bereits im Umlauf – vor allem im Internet über soziale Medien – und würden von Teilen der Gesellschaft für wahr gehalten. Des Weiteren sei die Flut an Informationen teilweise so hoch, dass sich die Bevölkerung nur an Schlagzeilen orientiere, was eine Einordnung komplexer Themen schwierig mache. Deshalb seien die klassischen Medien in der Krise. Jedoch bemerkte Prof. Dr. Behmer, dass heutzutage dennoch die Qualität zähle und große Medien wachsen würden. Dadurch entstehe eine Schere zwischen Qualitätsmedien und schnellem Nachrichtenkonsum. Zuletzt sprachen sich Michael Unger und Prof. Dr. Behmer für eine stärkere Medienkritik aus. Dabei dürfe diese Kritik nicht als Propaganda und Hetze gegen die Medien verwendet werden.