In einer hochinteressierten Runde führte Dr. Gerrit Kurtz von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) die Teilnehmenden in die Geschichte, Akteure, Geografie und Konflikte des Horns von Afrika ein. Anschließend gab es Raum für Fragen und Austausch.
Dr. Kurtz begreift das Horn als die Region zwischen Sudan und Südsudan im Westen, Eritrea und Djibouti im Norden, Somalia im Osten und Kenia im Süden. Die Abgrenzung der Region ist in der Literatur nicht unumstritten und ist sehr von der Betrachtung der in ihr stattfindenden Ereignisse und der für sie als relevant betrachteten Akteure abhängig.
Das Horn von Afrika ist geprägt von geografischen Kontrasten, die die Geschichte und die Gegenwart der dort ansässigen Menschen entscheidend prägen und prägten. Dabei sind es, so Kurtz, oftmals gerade die Kontraste in der Region, die die Konflikte der Region entscheidend strukturieren. Dies hat die Form von Zentrum-Peripherie Konflikten zwischen unterschiedlichen Klimazonen, aber auch zwischen unterschiedlichen Lebensweisen und Kulturen. Diese Konstellationen sind auch im Kontext äußerst junger Demographien zu sehen. So beträgt das Medianalter der Staaten am Horn von Afrika zwischen ca. 16-19 Jahren.
Ein Beispiel: In flachen Regionen Äthiopiens bildeten sich über Jahrtausende nomadische Ethnien, während sich in bergigen Regionen Gruppen entwickelten, die mehrheitlich sesshaftem Ackerbau pflegen. Zum Konflikt zwischen Gruppen dieser beiden Lebensformen kommt es unter anderem durch den Klimawandel, der die binnenstaatlichen Migrationsrouten nomadischer Völker verändert.
Doch nicht nur die Geografie hat die Region nachhaltig geprägt, auch der Kolonialismus und sein Erbe strukturieren die Staaten und Akteure der Region. Bis auf Äthiopien, dessen Selbstanspruch als Regionalmacht auch auf den erfolgreichen Widerstand gegen den Kolonialismus baut, standen alle Länder in der Region unter britischer oder italienischer Kolonialherrschaft. Die durch koloniale Herrschaftssysteme entstandenen Ausgrenzungs- und Ausbeutungssysteme sind oftmals auch heute noch mit den Konflikten der Gegenwart verflochten, so Kurtz. Dabei zählt er extraktives „state capture„, also die Nutzung des Staates zum Gewinn von Profit für die eigene Gruppe statt zur Bereitstellung öffentlicher Güter als koloniales Erbe und bis heute fortbestehendes Muster örtlicher Staatlichkeit wie auch damit einhergehender Konflikte um die Macht im Staat.
Auch sind als Konsequenz des Kolonialismus viele der Grenzen in der Region umstritten und es gibt zahlreiche Sezessionsbewegungen, die oft auch durch das Motiv des state capture genauso geprägt sind wie durch identitäre und politische Fragen. Während Eritrea und Südsudan ein seltenes Beispiel erfolgreicher Sezession nach dem Kalten Krieg sind, stelle Somaliland eine nicht anerkannte de-facto Sezession dar.
Neben state capture und Sezessionsbewegungen sind es laut Kurtz vor allem die ideologischen und identitären Linien, die sich oft überlagern und die Entwicklungen und Konflikte in der Region prägen. Diese dienten oftmals auch als Anknüpfungspunkte für externe Akteure. So unterstützen die Vereinigten Arabischen Emirate die Rapid Support Forces im Sudankrieg, da sich diese antiislamistisch positionieren. Aber auch geostrategische Überlegungen spielen für externe Akteure eine entscheidende Rolle in der Region. Dies führt zu teils unerwarteten Zwecksbündnissen: Israel unterstützt Äthiopien und die VAE durch die Anerkennung von Somaliland zur Sicherung eines Hafens am Golf von Aden, Saudi Arabien unterstützt umgekehrt die Somalische Zentralregierung dabei die Kontrolle über Somaliland zurückzuerlangen.
Dr. Kurtz macht zum Abschluss trotz der aktuellen Lage in der Region noch auf den Lichtblick einer neuen Generation aufmerksam, die im Rahmen wiederholter Protestbewegungen gezeigt hat, dass sie die bisherigen Gewaltspiralen der Region nicht in Kauf nehmen will und zeigt, dass durch friedliche Kooperation große Veränderungen in den Ländern des Horns angestoßen werden können..
In der folgenden Diskussionsrunde wurde sich noch angeregt über Fragen aus dem Publikum ausgetauscht. Dabei ging es unter anderem um die Anwendung westlicher Staatsverständnisse als Maßstab für Gemeinschaften, wie die pastoralistischen Nomaden Äthiopiens, deren Lebensweise sich von den damit verbundenen Vorstellungen deutlich unterscheidet, aber auch um die Rolle der Region für die deutschen Außenpolitik und Entwicklungszusammenarbeit.
Für alle, die Interesse haben, sich dem Thema tiefergehend zu widmen, ist hier der letzte Artikel von Dr. Kurtz zu finden.
Anmerkung: Die verlinkten Seiten und Artikel dienen als Literaturvorschläge und wurden vom FiS hinzugefügt.




