Der Saal war bis auf den letzten Stuhl besetzt, als Herr Prof. Dr. Harnisch die Gastrednerin des Abends begrüßte. Frau Anna Sunik, eine der bedeutendsten Forscherinnen der Bundesrepublik im Bereich der Nahost-Konflikte, sollte an diesem Abend dem interessierten Publikum den Jemenkonflikt erklären. Keine leichte Aufgabe, so Prof. Harnisch. Immerhin sei der Konflikt einer der schwersten unserer Zeit. Der Ausbruch der Cholera-Epidemie, an der bisher über 600.000 Menschen erkrankten, die Einmischung ausländischer Mächte, wie dem Iran, den USA aber auch der EU, und die Ermordung des ehemaligen Präsidenten Ali Abdullah Saliham am 04.12.2017, stellen einige der Kernprobleme des Konfliktes dar. Deshalb sei es, so Harnisch, wichtig über diesen Konflikt zu sprechen. Umso mehr freue er sich Anna Sunik begrüßen zu dürfen. Frau Sunik absolvierte ihr Politikwissenschaftsstudium an der Universität Heidelberg mit den Nebenfächern Islamwissenschaften und Ethnologie. Ein Studienjahr verbrachte sie an der Sciences Po Paris. Ihre wissenschaftliche Abschlussarbeit verfasste sie in der Politikwissenschaft über das Sondertribunal für den Libanon als außenpolitisches Instrument. 2012 bis Mitte 2014 arbeitete sie am Nahost-Institut des GIGA German Institute of Global and Area Studies als wissenschaftliche Mitarbeiterin an einem Projekt über die Stabilität nahöstlicher Monarchien von 1945 bis heute. Momentan ist sie Lehrbeauftragte an der Universität Heidelberg, der Universität Landau und dem GIGA.

Frau Sunik bedankte sich bei Herrn Prof. Dr. Harnisch für die freundliche Begrüßung und den Zuhörern für ihr Interesse an diesem Thema. Der Jemenkonflikt, so Sunik, sei ein vergessener Konflikt, weil er, im Gegensatz zum Syrienkonflikt, wenig thematisiert würde. Trotzdem sei er einer der Schwersten. Jemen, welches an der Spitze der arabischen Halbinsel liegt, ist ein kleines Land. Trotzdem war der sich abspielende Konflikt der fünft-tödlichste Konflikt im Jahr 2016 weltweit. Damit verdiene er es, nicht nur ein Nischenthema zu sein, denn immer hin habe er ein globales Ausmaß.
Warum also wird so wenig über den Krieg in dem Jemen berichtet? Das Problem, so Sunik, sei die schwierige Informationslage und ein ungenauer Kenntnisstand. Gerade für ausländische Journalisten ist es oft zu gefährlich vor Ort zu sein und tagesaktuell zu berichten. Dazu kommen aber, und das sei die weitaus größere Schwierigkeit, die sich überlappenden Konfliktlinien. So benannte sie gleich fünf verschiedene. Die erste ist jene Konfliktlinie, die auch in anderen Ländern des arabischen Frühlings zu finden ist, ein Konflikt zwischen Regierung und Bevölkerung. Die zweite die Konflikte zwischen dem staatlichen System und den verschiedenen im Jemen ansässigen Stämmen. Sie fechten die Staatsgewalt an und akzeptieren die Zentralregierung nicht. Die dritte Konfliktlinie ist die separatistische Konfliktlinie zwischen dem Nord- und dem Südjemen. Die einstige Spaltung und die Vereinigung 1990 wurden nie ausreichend genug aufgearbeitet, eine Zusammenführung und Integration der beiden Länder fand nie statt. Als vierte Konfliklinie nannte Sunik andere religiöse Trennlinien. Ein Beispiel wäre hier die Muslimbruderschaft. Die fünfte Konfliklinie existiert im Jemen zwischen den Salafisten und Jihadisten. Zusammenfassend kann man sagen, dass all diese Konfliktlinien chronologisch aufeinander folgten und sich dabei gegenseitig bedingten. Frau Sunik zeigte anschließend die wichtigsten Ereignisse chronologisch auf.
Die wichtigsten Akteure des Konflikts sind die Huthis, eine schiitische Rebellengruppe aus dem Norden, und Präsident Abd Rabbu Mansur Hadi und seine Regierung. Die Huthis gingen 2014 eine Allianz mit dem 2011 gestürzten Präsidenten Ali Abdallah Salih ein. Die Allianz kontrolliert seit September 2014 die Hauptstadt Sanaa. Die weiterhin international anerkannte Regierung trat im Januar 2015 zurück und hält sich im Exil in Riad (Saudi-Arabien) oder in der temporären Hauptstadt Aden im Süden des Jemen auf. Sie wird von einer von Saudi-Arabien geführten Koalition politisch und militärisch unterstützt. Ihr gehören mehrere, vor allem sunnitische Staaten, wie die Vereinigten Arabischen Emirate an. Das militärische Eingreifen der Koalition wird dabei durch die Sicherheitsratsresolution 2216 legitimiert, die u.a. den Rückzug der Huthi/Salih-Allianz aus allen Gebieten, einschließlich der Hauptstadt Sanaa, fordert. Im Juli 2015 war es südlichen Kämpfern mit Hilfe der Koalition gelungen, die südliche Hafenstadt Aden von der Huthi/Salih-Koalition zurückzuerobern. Die Besetzung der Stadt im März 2015 hatte Präsident Hadi zur Flucht ins saudische Exil gezwungen. Im Laufe des Jahres 2017 traten zunehmend Bruchlinien in der Huthi/Salih-Allianz zutage. Am 02. Dezember 2017 kündigte Ali Abdallah Salih sein Bündnis mit den Huthis und wurde am 04. Dezember 2017 durch die Huthis in Senaa ermordet. Abed Rabbo Mansur Hadi gab daraufhin seinen Truppen den Befehl, die Hauptstadt zu stürmen und aus der Hand der Huthis zu befreien.
Zum Ende ihres Vortrages sprach Anna Sunik dann die katastrophale humanitäre Lage an. Der Zustand im Jemen gleiche dem in Syrien, obwohl der dortige Konflikt schon viel länger andauert. Mehr als die Hälfte der Todesopfer waren Zivilisten, zweidrittel davon starben durch Luftangriffe der Regierung. Zudem zählten vor allem Krankenhäuser und Schulen zu Beschusszielen, sodass ein Drittel der getöteten Zivilisten, Kinder sind. Als Folge der gewaltsamen Auseinandersetzungen existieren acht Millionen Binnenflüchtlinge, 80 % des Landes sind abhängig von humanitärer Hilfe, sieben Millionen leiden an Hungersnot, 18 Millionen sind „food insecure“. 600 Kindersoldaten sind überdies im Einsatz. Humanitäre Hilfe gelangt nur schwer ins Land. Es existiert eine der schwersten Cholera-Epidemien jemals. Jemen, das einstige „Arabica felix“, sei fast vollständig zerstört, bedauerte Sunik.
Der Krieg in dem Jemen sei kein irrelevanter Konflikt. Viel mehr sei er einer der größten momentan existierenden Katastrophen. Der Konflikt ist gerade deshalb so bedeutend, da die von Saudi-Arabien geführte Koalition auch durch europäische Staaten militärisch unterstützt wird. Dadurch kann der Konflikt nicht zu einem Ende kommen. Es handle sich dennoch nicht um einen typischen Stellvertreterkrieg, betonte Sunik. Die USA ziehen sich immer weiter aus dem Konflikt zurück und nehmen nur noch indirekt Einfluss durch Waffenlieferungen oder Geheimdienstkooperationen. Russland, China und der Iran lehnen eine offizielle Konfliktteilhabe ab, wobei die Rolle des Iran unklar ist. So wird vermutet, dass dieser die Huthis mit Waffen versorgt. Ein Ende des Konfliktes sei aber nicht in Sicht. Zumal Präsident Trump seine Unterstützung für die arabischen Staaten noch einmal intensiviert hat. Zusammenfassend bezeichnete Frau Sunik den Jemenkrieg als einen asymmetrischen Stellvertreterkrieg, in dem die eine Seite starke militärische Unterstützung erfährt, die andere Seite aber nur eine sehr geringe bis keine. Nach Frau Suniks Vortrag bestand dann noch die Möglichkeit Fragen zu stellen.