Rückblick: Vortrag & Diskussion am 14. Dezember 2021 mit Dr. Magdalena Kirchner


Am 14. Dezember 2021 veranstaltete das “Forum für internationale Sicherheit Heidelberg e.V.” (FiS) den Vortrag Am Hindukusch nichts Neues? Afghanistan unter dem Taliban-Regime. Gemeinsam mit Dr. Magdalena Kirchner wurde über die Entwicklung der politischen und wirtschaftlichen Lage in Afghanistan während der Machtübernahme der Taliban und die Folgen für die Region gesprochen. Frau Kirchner ist ein ehemaliges Gründungsmitglied des FiS und leitet das Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) in Afghanistan. Mithilfe ihrer Fachexpertise und persönlichen Erfahrungen evaluierte sie auf Fragen der FiS-Moderation hin die aktuelle Situation in Afghanistan.

Nach einer kurzen Vorstellung des FiS schilderte Frau Kirchner einleitend ihre persönlichen Eindrücke zum Abzug ausländischer Truppen aus Afghanistan und der anschließenden Machtübernahme durch die Taliban. Für ihr Büro kam die Ankündigung des US-Truppenabzugs im April 2021 nicht überraschend, da bereits in den vergangenen zwei Jahren diese Handlungsoption mehrmals medienwirksam erwähnt wurde. Die Geschwindigkeit des einsetzenden Abzugs ab April habe jedoch auf die Ernsthaftigkeit und die Eigendynamik der Lage hingedeutet. Mitte August wurde das FES-Büro aufgrund der sich zuspitzenden Situation geschlossen und die Mitarbeiter*innen sowie die Partner*innen der Stiftung wurden mithilfe von deutschen Ministerien und Hilfsorganisationen aus Afghanistan ausgeflogen. Seitdem betreut Frau Kirchner das afghanische FES-Büro von Jordanien aus. Insgesamt sieht sie in den Ereignissen vom August 2021 sowohl eine geographische als auch insbesondere psychische Entwurzelung aller betroffenen Geflüchteten, welche vor allem mit Blick auf die Ungewissheit über die derzeitige Lage in Afghanistan sehr belastend sei.

Anschließend sprach das FiS mit Frau Kirchner über den veränderten Alltag der in Afghanistan lebenden Menschen seit der Kontrolle durch die Taliban. Hierbei betonte sie zunächst die strukturellen Defizite in Afghanistan, die davon unabhängig bereits bestanden: Korruption, eine etablierte „war economy“ und insbesondere die anhaltende Wirtschaftskrise würden die afghanischen politischen Institutionen fortlaufend schwächen. Seit der Machtübernahme durch die Taliban habe sich vor allem die finanzielle und wirtschaftliche Lage in Afghanistan verschlechtert: Die Wirtschaft ist importabhängig und die Zentralbank hat ihr Geld größtenteils auf ausländischen Konten deponiert. Seit August wurden Importstopps verhängt, ausländische Konten eingefroren und das Bargeld verknappt. Infolgedessen habe sich die wirtschaftliche Krise laut Frau Kirchners Einschätzungen mittlerweile zu einer humanitären Krise ausgeweitet. Dabei liege eine große Last auf den verbliebenen Hilfsorganisationen, welche die Menschen mit Nahrungsmitteln und Geld versorgen. Auch der Zugang zu Informationen habe sich verändert: Grundsätzlich gab es in Afghanistan eine freie Medienlandschaft. Bereits in den vergangenen Jahren nahm die Anschlagsgefahr auf Journalisten allerdings zu. Seit der Machtübernahme durch die Taliban schwand die freie Berichterstattung immer weiter und das Regime ging willkürlich gegen die Pressefreiheit vor. Eine Gefahr bestünde im sogenannten „citizen journalism“, da dieser sehr manipulationsanfällig sei. Trotz dieser Umstände steht die FES laut Frau Kirchner seit der Schließung ihres Büros nach wie vor mit ihrem Netzwerk in Afghanistan in Kontakt. Sie merkte auch an, dass sich eine große Verunsicherung mit Blick auf die Zukunft unter ehemaligen Kooperierenden mit der Regierung ausgebreitet habe.

Der dritte Themenblock befasste sich mit der Frage nach den zukünftigen innenpolitischen Strategien der Taliban, auch im Hinblick auf den Ableger des Islamischen Staats (IS) in Afghanistan. Frau Kirchner betonte, dass die Taliban zuvorderst ein Interesse an Macht und Kontrolle über das Land hätten und vor allem gegenüber Sanktionen relativ resistent seien. Um ihre Kontrolle ausüben zu können, bräuchten die Taliban aber auch funktionierende staatliche Institutionen. Mit welchen Strategien sie diesem Dilemma begegnen, sei (noch) nicht erkennbar, da sie sehr undurchsichtig handeln würden. Dies dient laut Frau Kirchner dazu, sich intern zu schützen und zudem finanziell und materiell durch Nachbarstaaten im Kampf gegen den wachsenden IS-Ableger in Afghanistan unterstützt zu werden. Neben ihrem Machtinteresse seien die Taliban aber auch am internationalen Dialog interessiert und nehmen zum Beispiel an Regionalkonferenzen teil. Allerdings seien sie sich auch der wirtschaftlichen Abhängigkeit Afghanistans von anderen Staaten bewusst. Frau Kirchner verwies an dieser Stelle auf einen „gridlock“ für die Taliban: Sie könnten sich entweder dem Westen annähern und demokratische Werte und Normen akzeptieren oder eine Aufstandsbewegung bleiben, die an ihren traditionellen Werten festhält. Vor dieser Entscheidungsoption bliebe nach wie vor offen, wie sich die Beziehungen zum Westen in Zukunft wandeln werden. Alles in allem ist Afghanistan für Frau Kirchner zu einem sehr fragilen Staat geworden. Im Verhältnis der Taliban zu den Regierungen der Nachbarstaaten (zum Beispiel Iran, Russland, Pakistan) zeige sich außerdem bereits seit August, dass letztere nicht fähig sind, der afghanischen Gesellschaft Hilfe zukommen zu lassen. Viele Nachbarstaaten, so Frau Kirchner, hoffen aber auf eine Verbesserung beziehungsweise Deeskalation der Lage.

Abschließend verdeutlichte Frau Kirchner, dass die Lage in Afghanistan vier Monate nach der Machtübernahme nach wie vor sehr angespannt und instabil sei und auf kurze Sicht keine Lösung in Aussicht stünde. Für sie besteht die beste Chance für eine Verbesserung der Situation darin, dass die USA ihren politischen Kurs ändern. Andernfalls könnte die Situation zum Nachteil der Region eskalieren.

Anschließend daran konnten die knapp 50 Veranstaltungsteilnehmer Frau Kirchner ihre Fragen stellen. In einer ersten Wortmeldung kam das deutsch-afghanische Verhältnis und die Zukunft Afghanistans zur Sprache. Außerdem bestünde große Angst in der afghanischen Gesellschaft und sie bräuchte mehr externe Unterstützung. Frau Kirchner ging in Reaktion darauf auf die Rolle der Zivilgesellschaft in Afghanistan ein. Sie würde politische Partizipation fordern und an einer friedlichen Zukunft interessiert sein, jedoch stoße sie dabei auf keine Resonanz beim Taliban-Regime. Infolgedessen verbreite sich Enttäuschung, Hoffnungslosigkeit und Frustration in der Bevölkerung. Die Taliban können sich allerdings (bisher) auch nicht den strukturellen Defiziten des Staates stellen und eine stabile Staatsstruktur aufbauen. Neben dem Willen fehle es demnach auch an finanziellen Mitteln für die Gestaltung einer sicheren Zukunft.

Eine weitere Frage lautete, ob die Taliban versuchen würden, ehemalige Staatsbedienstete für sich arbeiten zu lassen. Dazu merkte Frau Kirchner an, dass viele Beamte aus Afghanistan flüchten möchten und nicht daran interessiert seien, für die Taliban zu arbeiten. Zugleich seien die Taliban aber auf Personal außerhalb ihrer eigenen Reihen angewiesen. Die nötigen Löhne könnten sie allerdings dafür nicht entrichten. Aus diesem Grund hätten sie in der Zwischenzeit alternative Einnahmequellen wie Abgaben über den Zoll eingerichtet. Doch insgesamt fehle es an externer Unterstützung.

Ein dritter Teilnehmer war daran interessiert, welche Gruppen ernsthaften Widerstand gegen die Taliban leisten könnten. Frau Kirchner beschrieb daraufhin, dass es einige bewaffnete und ausgebildete Menschen in Afghanistan gäbe, die sich im Ernstfall gewaltsam zur Wehr setzen würden. Auf diesem Wege würden die Taliban direkt konfrontiert werden.

Die vierte Frage zielte auf die Rolle Deutschlands in Afghanistan in militärischer und politischer Hinsicht ab. Frau Kirchner sollte erläutern, welche Erkenntnisse sie sich bei der Evaluierung des Einsatzes der deutschen Bundeswehr in Afghanistan wünschen würde. Sie betonte, dass Deutschland reaktiv agierte, anstatt aktiven Einfluss in Afghanistan zu nehmen, und grundsätzlich Kompromissbereitschaft zeigte, wenn es um die Diskussion geeigneter Maßnahmen ging. In der deutschen Politik wurde dabei ein ziviles und militärisches Engagement diskutiert. Aktuell gäbe es jedoch weder eine tiefergehende Debatte zum abgeschlossenen Bundeswehr-Einsatz noch eine zukunftsgewandte deutsche Afghanistanpolitik. Aus Frau Kirchners Sicht würde diese jedoch nachhaltigere Ergebnisse erzielen als eine reine Aufarbeitung des Auslandseinsatzes.

Zum Schluss stellte eine weitere Teilnehmerin die Frage, wie sich die europäischen Mitgliedsländer zu den Verhandlungen zwischen den USA und den Taliban positionierten und welche Rolle die Beteiligung von Frauen dabei spielen würden. Frau Kirchner erklärte, dass die EU-Länder grundsätzlich eine Art Beobachterstatus einnehmen würden, um anschließend die indirekte Unterstützung der Rückkehr der Taliban zur Macht aufzuarbeiten und Lösungsstrategien zu entwickeln. Dabei betonte sie, dass ein politischer Bericht nicht ausreichen würde, sondern es einer Politik im Hinblick auf Afghanistan bedürfte. Abschließend betonte sie auch, dass es Aufgabe der internationalen Politik sei, die Situation von Frauen in Afghanistan genauer zu betrachten und somit ihre Lage unter dem Taliban-Regime zu ändern. Der Einsatz einer zu Teilen weiblichen Verhandlungsdelegation gegenüber den Taliban würde einen ersten Schritt in diese Richtung darstellen.

Das FiS bedankt sich bei allen Teilnehmer*innen der Veranstaltung und insbesondere bei Frau Dr. Kirchner, welche sich Zeit genommen und über die aktuelle Lage in Afghanistan aus einer fachlichen und persönlichen Perspektive referiert hat. 

 

Text: Julia Tilp